AMO-Blog

Wird schon schiefgehn – spielen gewinnt! – 07. März 2019

Es gibt da etwas, worüber ich mich heute besonders freue. Und das ist mein unerschöpflich forschender Spieltrieb. Oder mein spielerischer Forschergeist. Oder die mir eigene schöpferische Kraft… wie auch immer ich es benenne, es ist einfach da, wirkt durch mein ganzes Leben, meine Gedanken, Träume, mein Handeln. Es beschenkt mich mächtig. Und wenn es mir gelingt, andere mit einem winzigen Funken anzustecken, ist die Freude um so grösser. Anders als Wissen, das sich durch Bücher vermitteln lässt, ist Kreativität nicht erlernbar, nur erlebbar – eben weil sie schon da ist. Kreativ sein kommt von creáre (lat) und bedeutet zeugen, gebären, erschaffen, schöpfen, bereiten, wirken… ist also ziemlich vieldeutig und universell einsetzbar. Erstaunlich, dass es in unserer Kultur oft als exklusives, herausragendes Merkmal gehandelt wird.

Einige Wochen lang assistiere ich meinem 15-jährigen Neffen bei einem Schulprojekt. Er schreibt eine Monografie über Bob Dylan und hat beschlossen, seinen Wortbericht mit Tuschezeichnungen und -Malerei zu erweitern. Mein Anteil besteht lediglich darin, ihm Raum, grosse Papierbahnen, 4 lichtechte Tuschen und verschiedene Pinsel zur freien Verfügung zu stellen. Alles andere entsteht ganz von selbst, durch ihn. Seine Hände, seine Bewegungen, sein da sein… Er braucht nichts dafür zu lernen, muss keine Voraussetzungen erfüllen, wird weder zensiert noch bewertet für das, was entsteht. Er spielt einfach. Das hat nichts mit dem Alter, dem Geschlecht, den Vorfahren oder Genen zu tun. Sondern mit Erlaubnis. Er erlaubt sich zu tun, worauf er Lust hat. In einem geschützten Umfeld. Das ist alles. Folgt seiner Intuition und betritt mutig neue Möglichkeitsräume. Spielt um des Spielens willen. Neugierig geht er Schritt für Schritt ins Ungewisse…

Kunst ist spielen mit Intention. Kreativität ist nicht Kunst. Spielen ist kreativ. Es macht unser Leben facettenreicher. Erfreut, motiviert und inspiriert uns, Menschen und Situationen anders als gewohnt zu betrachten. Kreativität wird mit Kreativität belohnt.

Kreativität und Effizienz bilden ein widersprüchliches Paar. Eine merkwürdige Mischung aus absichtslosem Ausprobieren und erwartungsvoller Zielgerade. Effizient ist, was innovativ und ergebnisorientiert Gewinn bringt. Und gewinnen bedeutet Anerkennung bekommen für erbrachte Leistungen. Manche Künstler, Börsenmakler und Profi-Sportler bekommen zig Millionen fürs Spielen. Meinem Neffen ist das völlig egal, während er sich leicht und zügig mit Farben und Formen über das Papier bewegt. Obwohl er genau weiss, dass ein künstlerischer Beruf mit grosser Wahrscheinlichkeit wenig Sicherheit und Anerkennung einbringt, geniesst er sichtlich den Prozess der produktiven Selbstvergessenheit.

Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt. Friedrich Schiller

Aber wie kann gegenwärtig ein kreatives Leben aussehen, das über Selbst-Bespassung, Ego-Trip und Selbst-Optimierung hinauswachsen möchte? Konventionelle Denkweisen und komfortable, gefällige Lebensweisen kritisch hinterfragt und zu verändern sucht…

Meiner Erfahrung nach erfordert es ab und zu Stille. Meine Bereitschaft, immer wieder innezuhalten, tatenlos (offline) zu sein. Aufrichtig, ehrlich und schonungslos hinzuschauen.

Dann erscheint es mir wichtig, Dankbarkeit zu empfinden für die Ungewissheit, für die Unsicherheit, die beim genauen Betrachten und Hinterfragen auftaucht. Ungewissheit gehört zum Spielen dazu, genauso wie Angst und Mut.

Neugierig und offen wie ein Kind unbekannte Möglichkeiten suchen und einladen. So viele Erfahrungen wie möglich mit sich selbst und anderen machen… in spielerischer Freude! So kann Veränderung gelingen.

Zugehörigkeit und Vielfalt einer Gruppe/Gesellschaft anerkennen, sie schützen und zu ihrer sinnvollen Entwicklung beitragen. Gegebenenfalls auch persönliche Bedürfnisse und Vorlieben dafür aufgeben.

Beharrlich und vertrauensvoll mit der natürlichen inneren Schöpfungskraft (Kreativität) verbunden, ihr folgend, Widerstände bewegen und auflösen… und keinen Lohn dafür erwarten.

Absichtlich absichtslos handeln

Handpositiv-Abdruck/Aborigines, Blue Mountains-Australien

unbound beauty – small steps – February 7, 2019

(...) I know that many problems solve themselves, so please teach me patience.
Give me enough imagination to be able to share with someone a little bit
of warmth, in the right place, at the right time, with words or with silence.
Spare me the fear of missing out on life.
Do not give me the things I desire, but the things I need.
Teach me the art of small steps.
(from Antoine de Saint Exupéry 'the art of small steps')
(...) Ich weiß, dass sich viele Probleme dadurch lösen, dass ich nichts tue. 
Mach aus mir einen Menschen, der einem Schiff mit Tiefgang gleicht,
um auch die zu erreichen, die unten sind.
Bewahre mich vor der Angst, ich könnte das Leben versäumen.
Gib mir nicht, was ich mir wünsche, sondern das, was ich brauche.
Lehre mich die Kunst der kleinen Schritte.
(Aus Antoine de Saint-Exupéry 'Die Kunst der kleinen Schritte')
unbound beauty – smll steps – February 7, 2019

Flugschatten – 26. Januar 2019

Es sieht ganz einfach aus. Ein paar mal mit den Flügeln auf und ab schlagen, Krallen einziehen und abheben. Vorwärtskommen und gleichzeitig aufsteigen. Vögel können das. Beflügelte Insekten auch. Sieht ganz leicht aus, ist aber ein Akt grosser Anstrengung. Sie müssen es eigentlich nicht lernen. Wenn sie gross und kräftig genug gefüttert sind, verlassen die Jungen im Flug das Nest. Sie haben ihren Eltern dabei zugeschaut. Das muss genügen.

Das menschliche Wesen ist nicht dafür geschaffen, abzuheben. Es kann schwimmen, krabbeln, gehen, hüpfen, springen, klatschen, tanzen und vieles andere, wofür Füsse und Hände prima zu gebrauchen sind. Mit Disziplin, Körperbeherrschung und Erfahrung kommen wir sehr weit. Aber Fliegen ist nicht im Bewegungszentrum unseres Gehirns angelegt. Zwischen Ego-Erfüllung und Wesens-Erfüllung besteht ein grosser Unterschied. Dies zu erkennen und anzuerkennen bedeutet, einen langen Weg der Selbstbeobachtung und Selbsterforschung auf sich zu nehmen. Ohne sich dabei zu überschätzen, ohne sich zu übernehmen.

Grenzen anerkennen bedeutet demütig sein. Allem Leben, dem Kosmos dankbar, mitfühlend und respektvoll begegnen. Unsere Natur, die alles Leben hervorbringt, schützen und erhalten. Was wäre zum Beispiel, wenn wir heute beschliessen, nur noch dorthin zu reisen, wo wir aus eigener Kraft hinkommen. Dabei nur noch solche Lebensmittel zu konsumieren, die der Natur nicht schaden, sondern sie nachhaltig schützen. Was passiert, wenn wir unser Unvermögen zu fliegen statt dessen in einen Tanz packen….

…ja, wo kämen wir denn da hin!

Leuchtkörper: sein oder haben – 18. Januar 2019

Mein Tag beginnt um 5. Auf dem Dach des Nachbarhauses liegt eine feine weisse Puderschicht. Auf den Ziegeln und den Astgabelungen der Hofplatane auch. Der Schnee lässt sie grafisch erscheinen. Weiss auf Schwarz. Grösstmöglicher Kontrast. Und plötzlich diese Sehnsucht nach Winterlandschaft: Klar. Still. Sauber. Und sehr weit weg. Ich öffne das Fenster, um Kälte rein zu lassen, Wärme raus. Unsanft treffen sie aufeinander. In der morgendlichen Begegnung liegt die Potenz des ganzen Tages. Dazwischen mein Körper. Im Rücken Wärme, Frost frontal auf Gesicht und Brust. Es gibt freundlichere Orte als diese Stadt. Sie erinnert mich daran, dass ich immer noch die Wahl habe: Bleiben oder gehen. Jeden Tag, jede Stunde, Minute… jetzt oder nie. Jeder Herzschlag Zäsur. Innehalten. Möglichkeit. Handlung. Alles ist gegeben, nichts ist selbstverständlich. Aufeinander treffen oder aneinander vorbei. Annehmen oder wegschauen. Und dennoch funktioniert es genau so zusammen. Als ein Körper, ein Wesen aus lauter einzelnen Zellen.

Dämmerung, mehr und mehr Lichter gehen in den Fenstern an. Es beruhigt mich, die Nachbarn zu sehen – beim Zeitunglesen, Kaffeetrinken, am Kühlschrank, beim Ausschütteln der Bettdecke… alle mit sich beschäftigt, alle Teil eines grossen Organismus. Sehr komplex und ganz einfach zu beschreiben. Jedes Fenster ein Spiegel. Jede Handlung Teil meiner Entscheidung. Auch deshalb bin ich hier. Um mich in vielem wiederzufinden, viele in mir zu versammeln. Vielfalt zelebrieren – von sehr nah bis hin zu grösstmöglicher Distanz. Seid willkommen! Etwas Schönes daraus gestalten. Auch wenn es nichtig erscheint. Mikrokosmisch. Sich ganz darin verlieren und dabei wieder neu entdecken. Teilen mit vielen anderen.

Ein paar Stunden später: glasklar hellblauer Himmel. Die Kälte sorgt dafür, dass die pudrige Schneeschicht auf den Nachbardächern liegen bleibt. Wie schön ist das denn, diese klare, präzise Ansage aus der Atmosphäre. Goldgelbes Licht auf Satellitenschüsseln. Gleich mehrere Dachsonnen fangen es ein, reflektieren die flach einfallenden Strahlen des mächtigen Himmelskörpers. Erinnern mich an die wirklichen Verhältnisse und lassen irdische Errungenschaften kurz aufleuchten. Schnell verblassen. Scham ist eine Nebenerscheinung spät entdeckter Ehrfurcht vor der anhaltenden Leuchtkraft des Universums: Strahlende Finsternis.

Ein vertrautes, polyphones Krächzen nähert sich durch die Luft, kündigt die Frühjahrsboten an, die von Süden nach Norden, Westen und Osten den Himmel durchfliegen. Mein Körper streckt sich durchs Fenster. Entdeckt die lange Flugkette aus dunklen Perlen, die sich leicht und geschmeidig über uns hinwegbewegt. In ständiger Transformation die Glieder neu ordnet, einzelne aus der Mitte heraus löst, um sie an den Enden wieder aufzufädeln. Verbunden durch den Klang der Stimmen, die möglicherweise ein Wandervogel-Lied singen. Aber was weiss ich schon über den Himmel und seine Botschaften.

Der gefesselte Prometheus mit dem Adler; links sein Bruder Atlas (Lakonisch-schwarzfigurige Trinkschale des Arkesilas-Malers aus Cerveteri, um 560/550 v. Chr., Vatikan. Museen, Rom)

Altes wie neues – 3. Januar 2019

Vom 31. Dezember 2018 verabschiede ich mich im Tiergarten. Das flach einfallende, distanzierte Winterlicht ermöglicht einen direkten Blick in die Sonne. Gegenlichtaufnahme durch die wirren Verzweigungen der Äste. Warm und diffus kommt das Licht durch, klar und fest behaupten sich die schwarzen Baumlinien davor. In Augenblicken wie diesem begreife ich, warum Romantik ein Epochen-übergreifendes Phänomen ist, das an der Schnittstelle, an den Übergängen von Materie und Atmosphäre stattfindet. Im Wandel der Jahreszeiten wird es deutlich erlebbar. Meine Finger und Füsse werden langsam kalt, während ich durch den Sucher der Kamera die Farbabstufungen des gefallenen Laubs, die kleinen Pilzkolonien und zig Wasserlinsen auf der Seeoberfläche entdecke. So farbintensiv ist der Winter im Detail, so kräftig gezeichnet erscheint er an der Schwelle zum neuen Jahr. So glücklich dieser Moment, in dem ich vollkommen mit der Schönheit des Erlebten verschmelze. Nicht abbildbar, nicht reproduzierbar halt ich ihn dann doch mit der DigiKamera, meinem dritten Auge, fest.

Der 1. Januar 2019 begrüßt mich ähnlich vertraut und doch ganz anders. Die Natur schert sich nicht um Daten. Sie folgt ihren unzähligen eigenen Rhythmen. Aber ich nutze eben auch die Errungenschaften der Menschheit. Manche Erfindungen sind grossartig, wie Kalender und Zeitrechnung, weil sie strukturieren, vereinfachen und somit Zusammenleben, Verständigung und Begreifen ermöglichen. Andere sind schrecklich, wie Kalender und Zeitrechnung, weil sie uns festlegen, einengen und fremdbestimmte Objekte aus uns machen. Und doch habe ich andauernd, in jedem Augenblick die Möglichkeit, zu wählen und zu entscheiden – etwas zu beginnen, zu verabschieden, beizubehalten… so klein diese Entscheidungen auch erscheinen mögen, so unfreiwillig sie in Wirklichkeit oft daherkommen, liegen sie doch tief in unserer Natur. An offensichtlichen Schnittstellen lassen sich überraschend viele Übergänge entdecken. Und ein fokussierter Blick auf die wechselvolle Erscheinung der Details ermöglicht in jedem Moment unendliche Vielfalt, Vieldeutigkeit und Entscheidungsmöglichkeiten. Das könnte ein vorauseilender Blick in diesem Jahr entdecken: endlos grosses im kleinen und kleines im grossen.

Wintersonnwende

An einem Tag wie diesem fallen Worte auf
die senkrechte Achse des zurückkommenden Lichts und
wer seine Quelle kennt, bleibt in ihrer Nähe.

Gewiss ist Zeitvermessung die brutalste Waffe gegen den Rhythmus
der Stille, die sich endlich über allen Gebieten ausbreiten will,
um friedlicheren Botschaften den Boden zu bereiten.

Wer heut den Flieger verpasst, kommt nicht rechtzeitig ins Paradies und
nimmt mit einem Meer an Zeit vorlieb – Zuhause.

Der Weg übers Land ist ein Anachronismus aller Gebliebenen,
die ihre Uhren am Strand zurück… und zeitvergessen den Vorauseilenden
entgegenträumen auf ihrem Weg zum Anfang.

(22.12.2018)