AMO-Blog

Aua! Kleiner Ausflug zum Thema Angst und Schmerz – 5. September 2019

Immer wieder kommen TeilnehmerInnen nach einer TanzenSession freudig auf mich zu und bemerken, dass unser gemeinsames Tanzen Schmerzen, Ängste oder Sorgen völlig vertrieben hat. Und tatsächlich sind wir nach dem Tanzen eine Zeit lang glücklich, ausgeglichen bis euphorisch gestimmt. Und natürlich auch erschöpft, entspannt, gelockert, angenehm bewegt…

Beim Tanzen lenken wir unsere Aufmerksamkeit hin zu positiven Erlebnissen und Erfahrungen. Wir stärken nachhaltig Vitalität, Lebendigkeit, Ausdruck… unseren Mut, kreativ und verantwortungsvoll Schritte ins Unbekannte zu wagen, tatkräftig zu handeln...

Aber anhaltend vertreiben oder los werden können wir unsere Angst und Schmerzen nicht. Glücklicherweise! Denn Angst und Schmerzen sind uralte, treue Begleiter unserer Existenz, unseres gefahrenvollen, bedrohten, schützenswerten Lebens auf dieser Erde. Integrierte Warnsignale, Schutzmechanismen… hochsensible Botschafter unseres Körpers und der Seele, die uns auf akute Gefahren aufmerksam machen. Uns signalisieren, dass uns etwas bedroht, fehlt oder behindert. Genauso, wie unser Herz springt, wenn es freudig erregt oder von Begehren erfüllt ist, rast es bei akuter Bedrohung, scheint es zu zerreißen, wenn wir jemanden verlieren. Wie andere Empfindungen auch, sind Angst und Schmerz zeitlich begrenzt. Sie kommen, wenn nötig und gehen dann wieder, wenn sie entsprechend Raum, Zeit und Aufmerksamkeit erfahren haben. Der Köroertherapeut Avi Grinberg spricht hier von fresh pain.

Wo also ist das Problem? Die meisten Ängste und Schmerzen, die uns Menschen heute begleiten, sind chronisch: Chronische Rückenschmerzen, Herz-Kreislaufbeschwerden, regelmäßige Migräneanfälle… Grinberg hat am Anfang seiner körpertherapeutischen Praxis festgestellt, dass seine Klienten nach der Behandlung eine Zeitlang schmerzfrei waren, irgendwann aber mit den gleichen Symptomen zurück kamen, um erneut behandelt zu werden. Er entwickelte aus dieser Einsicht eine erstaunlich naheliegende, einfache Methode, bei der Klienten dazu animiert werden, Eigenverantwortung für sich zu übernehmen, sich mehr und abwechslungsreicher zu bewegen. Das bedeutet – grob gesprochen – dass Angst und Schmerz nicht in Form von Abwehrhaltung oder Verdrängungsmechanismus begegnet wird, sondern gebührend wahrgenommen und respektiert werden. Anstatt ihnen mit Anspannung, Krampf, Ablehnung und Widerstand zu begegnen, bekommen sie Aufmerksamkeit, Beachtung, Entwarnung, Raum und Zeit sich zu entfalten, zu entspannen…

Das bedeutet aber nicht, dass wir unsere Schmerzen lieben sollten. Das ist perverser Quatsch! Es geht darum, sie als Teil unseres Wesens zu erkennen, unsere Anliegen, Nöte und Ängste wert zu schätzen. Anstatt zu sagen: ich habe Angst oder ich habe Schmerzen, so wie wir Dinge haben, könnten wir sagen: ich bin diese Angst, dieser Schmerz, so wie ich auch froh, hungrig, traurig oder wütend bin.

‚Das Wort Krise – ich sage es immer wieder – wird zu Unrecht ausschließlich negativ gesehen. Das hängt vielleicht damit zusammen, dass eine Krise vor allem Veränderung bedeutet, und unsere Gesellschaft fürchtet die Veränderung. Sie bewegt sich lieber in der Komfortzone des Beständigen. Dem ‚anderen‘ wird mit Angst und Ablehnung begegnet. Aber vorwärtszugegen bedeutet immer, Dinge zurückzulassen und sich mit Neuem auseinanderzusetzen.‘ (aus Jorge Bucay, Das Buch vom Glücklichsein – Wege zu einem erfüllten Leben)

Bild/Franz Raßl: Natrix n. natrix, Ringelnatter, Männchen

Hand aufs Herz: was bewegt wirklich – 25.Mai/20.Juni 2019

Meine Hände sind direkt verbunden mit meinen Emotionen und Gefühlen. Sie sind großartige Werkzeuge: fühlende, tastende, zugreifende Instrumente am Ende der Arme. Tellerflächen mit beweglichen Fingern und Daumen, die perfekt zusammenarbeiten. Übersetzen, umsetzen, was sich tief in der Seele bewegt. Organisch verbunden mit meinem Innern, nehmen sie Kontakt mit der Umwelt auf. Berühren durch ihr Handeln, werden von Sinnesreizen, Emotionen, Gefühlen und Gedanken geleitet. Hände sprechen in Zeichensprache: öffnen sich für Begegnung, ballen sich zu abwehrenden Fäusten. Stützen den nachdenklichen Kopf ab oder schützen das verletzliche Gesicht. Streicheln liebevoll den Schoßhund, bedienen die Computertastatur, führen eine Teetasse sicher zum Mund… was sie nicht alles können, meine Hände.

Die besten Kenner unseres Kerns sind unsere Hände. Hände sind industriell kaum brauchbar – Hände sind Lebensberater: Trau keiner Wirklichkeit, die dir nicht in die Hand passt! Trau keinem Gedanken, der einer Maschine gefällt. Billy (1932 – 2019), aus: Wir Kleindenker – Ein Plädoyer für die Einfalt und Vielfalt des Denkens, 2006

A.Dürers Betende Hände/Reproduktion

Gefühle und Emotionen verlangen nach Ausdruck. Nicht immer bin ich in der Lage, über sie zu sprechen. Aber welche Geste, welche Handlung ist dann die passende Übersetzung, entspricht der emotionalen Regung in meinem Innern. Gar nicht so einfach, Regungen in eine entsprechende Bewegung zu übersetzen (notion-e-motion). Der Zugang zu Gefühlen ist oft verbaut, verdeckt, abgetrennt vom Denken und Handeln. Obwohl die emotionale Intelligenz längst wissenschaftlich belegt ist, folgen wir im Arbeitsalltag eher den auf Effizienz, also auf Kontrolle trainierten, optimierenden Strukturen unseres Intellekts – unangefochtener Chef im System: Vor allem anderen: Nachdenken. Kontrolle bewahren. Aber was genau ist dieses Allesandere? Smartphone, Geldbeutel, Autoschlüssel… immer und überall griffbereit. Die Hände pausenlos im Einsatz. Auf der Suche nach sinnvoller Beschäftigung, nach Ablenkung diffuser Emotionen und scheinbar sinnloser Gefühlsaufkommen. Rastlose Hände, getrieben von der Sehnsucht nach sinnstiftenden Handlungen, die über Besuche im Nagelstudio und das Tragen von Schmuck hinausreichen. Nach Erlösung von irrationalem Verlangen suchen. Die Hände trösten mit einem Coffee to go, der neuesten Spielkonsole von Microsoft, einem Last Minute Wochenendtrip egal wohin, einem personal Coach oder Kuschel-Kurs für Anfänger… jede Menge tolle Angebote, genug für 10 Leben.

Schaufenster, Kuhdamm-Berlin, 05/2019

Genau an dieser unübersichtlichen, schwer kontrollierbaren Stelle setzt das perfekt ausgeklügelte Handelssystem westlich geprägter Alles-käuflich-Kultur an. Handeln bedeutet ganz in ihrem Sinne und unserem Interesse: Konstant kaufen können. Denn für jedes Bedürfnis gibt es immer überall eine vorübergehende Ersatzbefriedigung. Die ursprüngliche Regung (Emotion), das echte Bedürfnis, muss durch möglichst vielversprechende Produkte, die es werbend umkreisen, ohne sich ihm wirklich anzunähern, ständig wach gehalten werden. Handeln heisst hier schlicht narkotisieren. Abhängig machen. Der Macher ist einer, der viel unsichtbare Materie hin und her bewegt und damit die Narkotisierungsbranche am Laufen hält. Was nicht bedeutet, dass er dafür seine Hände benutzt, etwa, um etwas mit ihnen herzustellen. Im Gegenteil, je weniger Handarbeit, desto smarter und angesehener der Macher. Desto größer der Erfolg. Desto makelloser die Hände.

Pablo Picasso bei der Arbeit

Der perfekte Deal, userfreundlich: Smartphones, Fahrzeuginnenräume, Küchengeräte… verfügen über intelligente Oberflächen, die auf minimale Berührung reagieren (hier ein Werbetext eines Fahrzeug-Innenausstatters: Die sogenannten Smart Interior Surfaces sorgen für die nahtlose Verknüpfung von Bedienfunktionen, Informationsanzeige, Beleuchtung und Heizung in einer homogenen Oberfläche. So setzen sie neue Maßstäbe für die Harmonisierung – innerhalb einzelner Produktgruppen wie Instrumententafeln, Türverkleidungen und Mittelkonsolen und auch übergreifend. Die Grenzen zwischen Dekoration und Funktion verschwimmen zugunsten eines durchgängigen funktional-ästhetischen Erlebnisraums…) Klingt so, als handelte es sich um eine Spielkonsole. Einen makellos umfliessenden Raumanzug. Perfekte Passform. Reibungsloser Ablauf. Das Auto, sich selbständig bewegendes Raumfahrzeug, endlich befreit von der lästigen Handarbeit. Ein rein ästhetischer, funktional-erotischer Erlebnisraum. Gibt es da eigentlich noch ein Handschuhfach…

Handnegative, Abdrücke, Pech Merle, Frankreich
(ca. 20 000 vor unserer Zeitr.)

Eine Hand wäscht die andere. Was sie berührt, berührt mich. Albrecht Dürers Betende Hände eines Apostels, die er 1508 als Vorstudie für ein Altarbild zeichnete, wurden bis ins 20. Jahrhundert massenhaft reproduziert und somit zum Synonym für Gottesfurcht und Glaube schlechthin. Abgetrennt und isoliert vom Rest schweben die beiden Handflächen auf Kalenderblättern, Gipsreliefs, Stickarbeiten… über Couchgarnituren, auf Grabsteinen, in Gesangbüchern. Und erinnern an eine Zeit, als der Mensch noch nicht vollkommen vom medial-materialistischen Busy-Busy-Kult ergriffen war. Sondern ganz selbstverständlich morgens, abends, vor dem Essen… die Handflächen aneinander legte, um zu bitten, zu danken, um sich mit etwas größerem als er selbst zu verbinden. Egal, woran ich heute glaube oder nicht, wenn ich meine beiden Handflächen gegeneinander lege, spüre ich sofort meinen eigenen Körper, seine Temperatur, ein harmonisierendes Gefühl von Zu-Mir-Kommen, das Bedürfnis, meine Augen zu schliessen: Pause vom Wollen, Müssen, Brauchen, Kriegen… Womöglich löst die ständige Anwesenheit eines Smartphones in einem Teenager ein ähnlich beruhigendes Gefühl aus. Dieser Life-giver ließe sich übrigens ziemlich einfach in einen Handteller integrieren und wäre somit endlich Teil des Körpers. Mit der passenden Software könnte jeder sein eigener Dürer, Ork oder Jeff Bezos sein. Ohne sich die Hände wirklich schmutzig machen zu müssen… Gleich nach der Geburt würde ein Kind durch diesen kleinen Eingriff zu seinem eigenen Ideal. Keine Beschneidung also, sondern eine Vervollkommnung des Neugeborenen. Ohne sarkastisch sein zu wollen, erscheint mir dieser kleine Eingriff in die menschliche Natur zeitgemäß, ja fast schon wirklich.

Nagelmodell: Nichts als Schönsein
Hand aus Glimmerschiefer, Hopewell-Ohio, USA
(ca. 900-1300 unserer Zeitr.)

Auf der Erde leben derzeit etwa 7 Milliarden Menschen. 2 Milliarden spielen Computerspiele mit Konsolen. Laut Phil Spencer von Microsoft sind das noch viel zu wenige. Bei einer Massenveranstaltung in Los Angeles predigte er vor kurzem über das Zockerrecht, immer und überall spielen zu können. Die Werbeveranstaltung als Gottesdienst. Konsolen-Spiele werden als spirituelle Fahrzeuge gehandelt, auf dem Weg durch wilde Streams und dunkle Clouds hin zur Erleuchtung. Der Konsolen-Benutzer, ein Meister der Beherrschung extremer Erlebniswelten. Dem menschlichen Gehirn ist es egal, ob es auf eine virtuelle oder eine reale Weltreise geht. Es unterscheidet nicht zwischen den Welten. Kann keinen Unterschied fühlen. Fühlt nichts.

KunstStudierende bei einem Happening

No fear, no fun. Wissbegierige Neurowissenschaftler, Ingenieure, Physiker, Robotikspezialisten, Mathematiker… versuchen, das Geheimnis der Bewegung am Computer zu erforschen. Wollen herausfinden, nach welchen Gesetzmäßigkeiten das Gehirn Bewegungen generiert. Bei Entwicklung und Herstellung von Robotern und Computerspielen gibt es nach wie vor Probleme mit den Bewegungsabläufen. Künstliche Intelligenz ist kalt. Gefühllos. Kennt kein Handeln aufgrund von Intuition oder emotionaler Regung. Und das versuchen Forscher zu umgehen, indem sie gemessene (menschliche) Bewegungen auf digitalisierte Raum-Koordinaten übertragen. Das erscheint mir ein wenig so, wie der Versuch, die Liebe zu einem Menschen oder einem Objekt der Begierde mittels Computertomograph zu erforschen, anstatt auf einem Frühlingsspaziergang oder beim Tangotanzen. Ganz egal, ob die Verbindung zwischen Hand und Herz wissenschaftlich nachweisbar ist. Wenn ich meine Hand aufs Herz, auf das Herz eines anderen lege, bin ich am Grund allen menschlichen Handelns angelangt. Lebensimpuls: fühlen.

Ja. Hand aufs Herz: bewegt wirklich was.

Sinusknoten – 07.05.2019

Im Hintergrund des gesamten Schöpfungsvorgangs pulsiert die Urmaterie mit eigenem Leben, schwingt sie aus innerer Kraft, voller Keime des Möglichen. Die schöpferische Wärme löst eine neue Schwingung in der Urmaterie aus, lässt schöpferisches Verlangen entstehen, den Willen zum Sein, der den Geist, das Prinzip der Einbildungskraft, zum Keimen bringt. Und daraus folgt die ganze Reihe der Schöpfungen sichtbarer, greifbarer Formen. Nasadiya Súkta, RIG VEDA

Aufnahme Schwarzes Loch, NASA, April 2019

Die Eisheiligen stehen vor der Tür. Fünf frostige Nächte und Tage lang. So steht es im Kalender. Mit der Kalten Sophie, am 11. Mai, soll der heilige Kälteeinbruch vorbei sein. Bevor sie durch ist, so der Volksmund, herrscht klimatischer Ausnahmezustand. Eine ordentliche Abkühlung, damit’s uns nicht zu kunterbunt wird. In den letzten Jahren hat sie sich oft um etwa 1 Woche verspätet. Heuer ist es schon Anfang Mai empfindlich kalt, das bringt Meteorologen aus dem Konzept. Der Klimawandel regt Imagination und Kreativität an. Durch die niedrigen Temperaturen erscheint die üppige Vegetation im nahegelegenen Tiergarten irgendwie zauberhaft erstarrt. Ein farbintensives Landschaftsgemälde, in dem Fliederbüsche, Rhododendren, Farn und Fischreiher im ewigen Frühling eingefangen sind.

Der Mai wird auch gern Wonnemonat genannt. Keine Ahnung mehr, warum. Alles geht drunter und drüber. Warme Ströme aus Wollust und Begehren ziehen polare Luftmassen aus dem hohen Norden an. Ein wilder Reigen aus Abstossen und Anziehung. Rasche Wechsel von Tief- und Hochdruck-gebieten. Und auch in mir drin herrscht derzeit ein bemerkenswertes Chaos aus widersprüchlichen Gefühlen. Ich geniesse und bekämpfe die heftigen, sich überschlagenden Wellen aus Euphorie, Lust und Trauer, aus Aufbruchstimmung und Rückzugsbedürfnis, aus Sehnsucht nach Veränderung und gleichzeitigem Festhalten. Beim Luftsprung im Sturzflug sicher auf dem Hintern landen. Aufstehen. Nochmal versuchen. Und nochmal. Ausser mir vor Freude und Angst. Glücklicherweise bin ich damit nicht allein. Etwas liegt in der wechselhaften Mailuft… Was bisher stabil war, wird infrage gestellt. Chancen oder Krisen, Entscheidungen treffen oder weiterhin ausweichen. An Gewohnheiten festhalten oder mutig neue Wege gehen. Leiden ertragen oder phantastische Erlösungs-Konzepte über Bord werfen… Je mehr darüber nachgedacht, desto mehr geredet wird, um so weniger Handlungsbedarf bleibt womöglich übrig…

Zwischendurch einfach mal den Atem anhalten: Sich ertragen. Wandlung braucht Pausen. Unsicherheit. Richtungslos still. Leerlaufen…

Heilung bedeutet, dass der Mensch erfährt, was ihn trägt, wenn alles andere aufhört, ihn zu tragen. Wolfram von Eschenbach, Dichter (ca. 1170 – 1220)

Tanzen bedeutet bei Null anfangen. Unabhängig von der Wetterlage. Bei jeder Stimmung. Tanzen ist fühlen. Impuls. Den inneren Rhythmus. Unabhängig dorthin bewegen, wo es sich heil und gut anfühlt. Den eigenen Schritten folgen. Dem Mut, der grösser ist, als das Bedürfnis nach Sicherheit. Dem neugierigen Kind, das mächtiger ist, als der Kontrolleur im Kopf. Oder dem Herz, das bereit ist für Willkommen und Abschied…

Warum geben wir dem Anderen so viel Macht über uns. Warum folgen wir fremden Konzepten. Verharren eher in Bewunderung des anderen, bevor wir unsere eigenen Träume und Wünsche ins Leben einladen. Was macht den Wert meines Daseins aus. Welchem Impuls folge ich, wenn plötzlich nichts mehr Sinn stiftet. Wenn eine Ansammlung von Dingen, Konzepten, Lehren und Fertigkeiten… meine Existenz sichert, wie ein perfekt ausgestatteter Werkzeugkasten. Wenn alles abgesichert und möglich scheint, machtvolle Visionen mein Leben regieren…

und mein Herz vor Angst und Sehnsucht schmerzt, weil es nicht mehr seinem eigenen Impulsgeber und unabhängigen Rhythmus folgt…

Alles neu macht der Mai. Eine Floskel. Oder vielleicht auch nicht. Was, wenn es die Eisheiligen sind, die den plötzlichen Temperatursturz schicken. Der wirkt wie eine Kaltdusche auf unsere Gefühle. Schockstarre. Zwingt dazu, inne zu halten. Flatterhafte Frühlingsgefühle zu regulieren. Übermütige sinnliche Erregung zu drosseln. Das vegetative Nervensystem bremst unseren Übermut kurz aus. Nimmt Druck raus. So ein Gefrierschock macht die Grenzen der Natur erfahrbar. Kleine Eiszeiten – Auszeiten der Natur im Rahmen menschgemachter Erderwärmung. Schocktherapie, damit wir überhaupt mal reagieren. Uns kurz aus unserer gemütlichen Sicherheits-Komfortzone bewegen. Raus in die Natur. Die erfindungsreiche Verwandlungskünstlerin bestaunen. Ihr Werk. Einbildungskraft, ihre Schönheit.

Am Ende der Komfortzone:Kunst – 25. April 2019

„Jeder Mensch ist ein Träger von Fähigkeiten, ein sich selbst bestimmendes Wesen, der Souverän schlechthin in unserer Zeit. Er ist ein Künstler, ob er nun bei der Müllabfuhr ist, Krankenpfleger, Arzt, Ingenieur oder Landwirt. Da, wo er seine Fähigkeiten entfaltet, ist er Künstler. Ich sage nicht, daß dies bei der Malerei eher zur Kunst führt als beim Maschinenbau…“ Dieses sehr oft zitierte Zitat von Joseph Beuys (1921-1986) ist einem Interview von 1984 entnommen mit dem Titel ‚Die Mysterien finden im Hauptbahnhof statt‘.

Derzeit bewegt mich das Werk dieses unangepassten, absolut mutigen Menschen wieder stark. Nicht so sehr die Relikte, die wie Reliquien erhaltenen Objekte und Installationen in den Museen. Die erscheinen nicht nur tot langweilig, sondern sind über die Jahre zu dem geworden, wogegen er zu Lebzeiten vehement aufbegehrte: zu Symbolen einer feudalherrschaftlichen Kunstwelt, was nichts anderes bedeutet, als Teil des westlich-kapitalistischen Weltsystems geworden zu sein. Und dazu Teil der gängigen Kunstgeschichte… Als gelernter Bildhauer war er auf Material (Materie) als Vehikel für sein künstlerisches Anliegen angewiesen. Und weil er genau wusste, dass man in der Kunstwelt laut klappern muss, um gehört zu werden, verbrauchte er sehr viel Material in seinen spektakulär angelegten Aktionen und Installationen.

Beuys hatte ein hochsensibles Wesen, einen unruhigen Geist. Er redete messianisch, gewandt linkisch, viel und laut über seine Mission. Glücklicherweise bezeugen Film- und Tondokumente seine politische Unkorrektheit, seine sperrige Feingeistigkeit, seinen angstvollen, mutigen Blick. Dieser gehört (für mich) zum schönsten und anrührendsten dessen, was er uns hinterlassen hat. Dass er sich damit nicht hinter schützenden Atelierwänden und Kuratoren versteckte, sondern angreifbar und verletzlich in der Öffentlichkeit agierte. Verschleiß gehört dazu, ist Teil der Mission – ein wunderbar befremdliches Relikt aus einer anderen Raum-Zeitdimension.

Im Maschinen- und Apparate-Zeitalter spielte Verschleiß noch eine große Rolle. Heute (im Coaching-Zeitalter…) nutzt man Geräte. Und Geräte zeigen keine Verschleißspuren, weil so wenig materielle Reibung wie möglich in und an ihnen stattfindet. Sie werden nicht repariert, sondern entsorgt und ersetzt durch neue Geräte, die noch weniger Reibungsfläche verursachen. Reibungslosigkeit gehört definitiv zum 21. Jahrhundert, wie Apple, EasyJet und Touchscreen.

Nicht so der menschliche Körper. Er ist steinalt und Spezialisten entwickeln die ausgeklügeltsten Gerätschaften, um ihn auf den Stand der Technologien der Zeit zu bringen, um ihn zu erhalten. Das menschliche Wesen ist tatsächlich sehr unzeitgemäß: ‚Jeder Mensch ist ein Träger von Fähigkeiten, ein sich selbst bestimmendes Wesen, der Souverän schlechthin in unserer Zeit…‘ sagt Beuys. Was für eine wärmende Kraft, welch beängstigende Macht steckt in diesem einen Satz! Und zu welch dramatischem Wandel und Handeln ruft er darin auf: Eigenverantwortung, Einfühlungsvermögen, gleichberechtigt-gesellschaftliche Teilhabe aller, ökologisch-ökonomische Mitverantwortung aller für die Welt, in der wir leben…Am 12. Mai wird Joseph Beuys 98 Jahre alt. Möge sein hartnäckig sperriges Erbe noch viel Hirnschmalz und wandlungsfähiges Kapital verschleißen…

equinox – Tag wie Nacht – 22. März 2019

Zugegeben, meist beginne ich, hier zu schreiben und weiss nicht, ob was dabei raus kommt. Aber die Neugier ist dann größer, als die Angst zu scheitern. Beide sind anwesend. Treiben mich vorwärts. Sind real. Zu den ältesten Ängsten der Menschheit gehört die Angst vor der Dunkelheit. Und die Angst davor, gefressen zu werden. Reflexartig machen wir uns aus dem Staub, wenn sich der hungrige Tiger nähert. Und wer ging als Kind schon gerne allein runter in den Keller, um Kartoffeln zu holen. Noch heute löst ein Ausflug in den Mietshauskeller Beklemmungsgefühle in meinem Brust- und Bauchraum aus: Wovor hast du denn Angst? Da ist doch nichts. Stell dich doch nicht so an… Die Angst ist durchaus real, die Gefahr allerdings sehr gering. Woher soll ich denn das wissen!

Vorletzte Nacht hatte ich einen sehr beunruhigenden Traum. Mit dem Fahrrad fuhr ich nachts die wirklich steile Steige vor meinem Elternhaus runter. Unten angekommen, wollte ich links abbiegen, um eine ebenso steile Steige hinauf zu radeln. Es herrschte viel Verkehr, Autos rasten hoch und runter. Keine Strassenlaternen weit und breit. Obwohl ich mich schutzlos ausgeliefert fühlte, war klar, dass es keine andere Möglichkeit gab, als all meinen Mut zusammen zu nehmen und blindlinks los zu fahren. Kraftvoll und langsam konzentrierte ich mich auf die Bergstrecke und musste darauf vertrauen, dass das winzige Vorder- und Rücklicht, das beim Treten entstand, von den Autos gesehen wurde. Diese allerdings waren inzwischen zu schwarzen Ninja-Kampffahrzeugen geworden, deren Lichtschlitze mich aggressiv angrinsten, während sie den Berg runter und hoch, an mir vorbei schossen. Ich sah sie kommen, obwohl mein Blick nach vorne unten, auf mein Gefährt und sein Vorderlicht gerichtet blieb. So bewältigte ich langsam den Anstieg. Und wachte schweissgebadet aber dennoch erholt auf.

Gestern Abend, auf dem Nachhauseweg, mit dem Fahrrad durch den Tiergarten, entdeckte ich beim Überqueren der Strasse Des 17. Juni die Siegessäule neu. Vollkommen zentriert, klar ausgerichtet stand sie da. Golden schimmernd, mitten über dem Verkehrschaos, die Flügel ausgebreitet: Viktoria, im Begriff abzuheben. Seit hunderten von Jahren säumen Kriegs- und Siegesmonumente die Strassen und Plätze unserer Städte. Wie wirkt sich das auf die Wahrnehmung aus? Verändert sich mit der Zeit auch die Bedeutung der Zeichen? Ist Viktoria heute nun eine Sieges- oder eine Friedensgöttin?

In einem dunklen Raum ist eine schwarze Katze schwer zu fangen, besonders, wenn sie nicht da ist. Konfuzius

Unweit entfernt von der (hiermit…) Friedenssäule, auf der Lutherbrücke über der Spree, stiegt zeitgleich der Vollmond am Horizont auf. Frühlingsanfang. Equinox. Tagundnachtgleiche. Besondere Ereignisse fallen heuer zusammen. Mehr Licht ins Dunkel. Ab heute werden die lichten Tage wieder länger, als die Nächte. Der Winter ist offiziell vorbei. Ein neuer Wachstumszyklus beginnt mit der Sonne im Sternzeichen des Widders. Es braucht einen totalen Stromausfall, um Dunkelheit in der Stadt wirklich erlebbar zu machen. Mit dem Strom verhält es sich ähnlich, wie mit der Angst. Obwohl er völlig unsichtbar ist, gibt es ihn wirklich. Er ist Tag und Nacht im Einsatz. Fliesst überall dorthin, wo wir Menschen Licht im Dunkeln und Schutz vor potentiellen Feinden brauchen. Niemand käme auf die Idee, an seiner Notwendigkeit zu zweifeln, nur weil er nicht sichtbar ist.

Angst fliesst wie Strom durch meine Glieder und warnt mich, damals wie heute, vor den Gefahren, denen ich ausgesetzt bin, denen ich mich aussetze, die ich verursache. Reagierte ich gleichermaßen auf alle Gefahren, würde ich sicherlich durchdrehen und auch andere gefährden. Den Fokus auf das innere Licht der Möglichkeiten gerichtet, kann ich mich, dem eigenen Rhythmus folgend, sicher und vertrauensvoll voran bewegen. Wenn auch sehr langsam…

Berliner Lichter und Irrlichter, 21. März 2019

Wird schon schiefgehn – spielen gewinnt! – 07. März 2019

Es gibt da etwas, worüber ich mich heute besonders freue. Und das ist mein unerschöpflich forschender Spieltrieb. Oder mein spielerischer Forschergeist. Oder die mir eigene schöpferische Kraft… wie auch immer ich es benenne, es ist einfach da, wirkt durch mein ganzes Leben, meine Gedanken, Träume, mein Handeln. Es beschenkt mich mächtig. Und wenn es mir gelingt, andere mit einem winzigen Funken anzustecken, ist die Freude um so grösser. Anders als Wissen, das sich durch Bücher vermitteln lässt, ist Kreativität nicht erlernbar, nur erlebbar – eben weil sie schon da ist. Kreativ sein kommt von creáre (lat) und bedeutet zeugen, gebären, erschaffen, schöpfen, bereiten, wirken… ist also ziemlich vieldeutig und universell einsetzbar. Erstaunlich, dass es in unserer Kultur oft als exklusives, herausragendes Merkmal gehandelt wird.

Einige Wochen lang assistiere ich meinem 15-jährigen Neffen bei einem Schulprojekt. Er schreibt eine Monografie über Bob Dylan und hat beschlossen, seinen Wortbericht mit Tuschezeichnungen und -Malerei zu erweitern. Mein Anteil besteht lediglich darin, ihm Raum, grosse Papierbahnen, 4 lichtechte Tuschen und verschiedene Pinsel zur freien Verfügung zu stellen. Alles andere entsteht ganz von selbst, durch ihn. Seine Hände, seine Bewegungen, sein da sein… Er braucht nichts dafür zu lernen, muss keine Voraussetzungen erfüllen, wird weder zensiert noch bewertet für das, was entsteht. Er spielt einfach. Das hat nichts mit dem Alter, dem Geschlecht, den Vorfahren oder Genen zu tun. Sondern mit Erlaubnis. Er erlaubt sich zu tun, worauf er Lust hat. In einem geschützten Umfeld. Das ist alles. Folgt seiner Intuition und betritt mutig neue Möglichkeitsräume. Spielt um des Spielens willen. Neugierig geht er Schritt für Schritt ins Ungewisse…

Kunst ist spielen mit Intention. Kreativität ist nicht Kunst. Spielen ist kreativ. Es macht unser Leben facettenreicher. Erfreut, motiviert und inspiriert uns, Menschen und Situationen anders als gewohnt zu betrachten. Kreativität wird mit Kreativität belohnt.

Kreativität und Effizienz bilden ein widersprüchliches Paar. Eine merkwürdige Mischung aus absichtslosem Ausprobieren und erwartungsvoller Zielgerade. Effizient ist, was innovativ und ergebnisorientiert Gewinn bringt. Und gewinnen bedeutet Anerkennung bekommen für erbrachte Leistungen. Manche Künstler, Börsenmakler und Profi-Sportler bekommen zig Millionen fürs Spielen. Meinem Neffen ist das völlig egal, während er sich leicht und zügig mit Farben und Formen über das Papier bewegt. Obwohl er genau weiss, dass ein künstlerischer Beruf mit grosser Wahrscheinlichkeit wenig Sicherheit und Anerkennung einbringt, geniesst er sichtlich den Prozess der produktiven Selbstvergessenheit.

Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt. Friedrich Schiller

Aber wie kann gegenwärtig ein kreatives Leben aussehen, das über Selbst-Bespassung, Ego-Trip und Selbst-Optimierung hinauswachsen möchte? Konventionelle Denkweisen und komfortable, gefällige Lebensweisen kritisch hinterfragt und zu verändern sucht…

Meiner Erfahrung nach erfordert es ab und zu Stille. Meine Bereitschaft, immer wieder innezuhalten, tatenlos (offline) zu sein. Aufrichtig, ehrlich und schonungslos hinzuschauen.

Dann erscheint es mir wichtig, Dankbarkeit zu empfinden für die Ungewissheit, für die Unsicherheit, die beim genauen Betrachten und Hinterfragen auftaucht. Ungewissheit gehört zum Spielen dazu, genauso wie Angst und Mut.

Neugierig und offen wie ein Kind unbekannte Möglichkeiten suchen und einladen. So viele Erfahrungen wie möglich mit sich selbst und anderen machen… in spielerischer Freude! So kann Veränderung gelingen.

Zugehörigkeit und Vielfalt einer Gruppe/Gesellschaft anerkennen, sie schützen und zu ihrer sinnvollen Entwicklung beitragen. Gegebenenfalls auch persönliche Bedürfnisse und Vorlieben dafür aufgeben.

Beharrlich und vertrauensvoll mit der natürlichen inneren Schöpfungskraft (Kreativität) verbunden, ihr folgend, Widerstände bewegen und auflösen… und keinen Lohn dafür erwarten.

Absichtlich absichtslos handeln

Handpositiv-Abdruck/Aborigines, Blue Mountains-Australien

unbound beauty – small steps – February 7, 2019

(...) I know that many problems solve themselves, so please teach me patience.
Give me enough imagination to be able to share with someone a little bit
of warmth, in the right place, at the right time, with words or with silence.
Spare me the fear of missing out on life.
Do not give me the things I desire, but the things I need.
Teach me the art of small steps.
(from Antoine de Saint Exupéry 'the art of small steps')
(...) Ich weiß, dass sich viele Probleme dadurch lösen, dass ich nichts tue. 
Mach aus mir einen Menschen, der einem Schiff mit Tiefgang gleicht,
um auch die zu erreichen, die unten sind.
Bewahre mich vor der Angst, ich könnte das Leben versäumen.
Gib mir nicht, was ich mir wünsche, sondern das, was ich brauche.
Lehre mich die Kunst der kleinen Schritte.
(Aus Antoine de Saint-Exupéry 'Die Kunst der kleinen Schritte')
unbound beauty – smll steps – February 7, 2019

Flugschatten – 26. Januar 2019

Es sieht ganz einfach aus. Ein paar mal mit den Flügeln auf und ab schlagen, Krallen einziehen und abheben. Vorwärtskommen und gleichzeitig aufsteigen. Vögel können das. Beflügelte Insekten auch. Sieht ganz leicht aus, ist aber ein Akt grosser Anstrengung. Sie müssen es eigentlich nicht lernen. Wenn sie gross und kräftig genug gefüttert sind, verlassen die Jungen im Flug das Nest. Sie haben ihren Eltern dabei zugeschaut. Das muss genügen.

Das menschliche Wesen ist nicht dafür geschaffen, abzuheben. Es kann schwimmen, krabbeln, gehen, hüpfen, springen, klatschen, tanzen und vieles andere, wofür Füsse und Hände prima zu gebrauchen sind. Mit Disziplin, Körperbeherrschung und Erfahrung kommen wir sehr weit. Aber Fliegen ist nicht im Bewegungszentrum unseres Gehirns angelegt. Zwischen Ego-Erfüllung und Wesens-Erfüllung besteht ein grosser Unterschied. Dies zu erkennen und anzuerkennen bedeutet, einen langen Weg der Selbstbeobachtung und Selbsterforschung auf sich zu nehmen. Ohne sich dabei zu überschätzen, ohne sich zu übernehmen.

Grenzen anerkennen bedeutet demütig sein. Allem Leben, dem Kosmos dankbar, mitfühlend und respektvoll begegnen. Unsere Natur, die alles Leben hervorbringt, schützen und erhalten. Was wäre zum Beispiel, wenn wir heute beschliessen, nur noch dorthin zu reisen, wo wir aus eigener Kraft hinkommen. Dabei nur noch solche Lebensmittel zu konsumieren, die der Natur nicht schaden, sondern sie nachhaltig schützen. Was passiert, wenn wir unser Unvermögen zu fliegen statt dessen in einen Tanz packen….

…ja, wo kämen wir denn da hin!

Leuchtkörper: sein oder haben – 18. Januar 2019

Mein Tag beginnt um 5. Auf dem Dach des Nachbarhauses liegt eine feine weisse Puderschicht. Auf den Ziegeln und den Astgabelungen der Hofplatane auch. Der Schnee lässt sie grafisch erscheinen. Weiss auf Schwarz. Grösstmöglicher Kontrast. Und plötzlich diese Sehnsucht nach Winterlandschaft: Klar. Still. Sauber. Und sehr weit weg. Ich öffne das Fenster, um Kälte rein zu lassen, Wärme raus. Unsanft treffen sie aufeinander. In der morgendlichen Begegnung liegt die Potenz des ganzen Tages. Dazwischen mein Körper. Im Rücken Wärme, Frost frontal auf Gesicht und Brust. Es gibt freundlichere Orte als diese Stadt. Sie erinnert mich daran, dass ich immer noch die Wahl habe: Bleiben oder gehen. Jeden Tag, jede Stunde, Minute… jetzt oder nie. Jeder Herzschlag Zäsur. Innehalten. Möglichkeit. Handlung. Alles ist gegeben, nichts ist selbstverständlich. Aufeinander treffen oder aneinander vorbei. Annehmen oder wegschauen. Und dennoch funktioniert es genau so zusammen. Als ein Körper, ein Wesen aus lauter einzelnen Zellen.

Dämmerung, mehr und mehr Lichter gehen in den Fenstern an. Es beruhigt mich, die Nachbarn zu sehen – beim Zeitunglesen, Kaffeetrinken, am Kühlschrank, beim Ausschütteln der Bettdecke… alle mit sich beschäftigt, alle Teil eines grossen Organismus. Sehr komplex und ganz einfach zu beschreiben. Jedes Fenster ein Spiegel. Jede Handlung Teil meiner Entscheidung. Auch deshalb bin ich hier. Um mich in vielem wiederzufinden, viele in mir zu versammeln. Vielfalt zelebrieren – von sehr nah bis hin zu grösstmöglicher Distanz. Seid willkommen! Etwas Schönes daraus gestalten. Auch wenn es nichtig erscheint. Mikrokosmisch. Sich ganz darin verlieren und dabei wieder neu entdecken. Teilen mit vielen anderen.

Ein paar Stunden später: glasklar hellblauer Himmel. Die Kälte sorgt dafür, dass die pudrige Schneeschicht auf den Nachbardächern liegen bleibt. Wie schön ist das denn, diese klare, präzise Ansage aus der Atmosphäre. Goldgelbes Licht auf Satellitenschüsseln. Gleich mehrere Dachsonnen fangen es ein, reflektieren die flach einfallenden Strahlen des mächtigen Himmelskörpers. Erinnern mich an die wirklichen Verhältnisse und lassen irdische Errungenschaften kurz aufleuchten. Schnell verblassen. Scham ist eine Nebenerscheinung spät entdeckter Ehrfurcht vor der anhaltenden Leuchtkraft des Universums: Strahlende Finsternis.

Ein vertrautes, polyphones Krächzen nähert sich durch die Luft, kündigt die Frühjahrsboten an, die von Süden nach Norden, Westen und Osten den Himmel durchfliegen. Mein Körper streckt sich durchs Fenster. Entdeckt die lange Flugkette aus dunklen Perlen, die sich leicht und geschmeidig über uns hinwegbewegt. In ständiger Transformation die Glieder neu ordnet, einzelne aus der Mitte heraus löst, um sie an den Enden wieder aufzufädeln. Verbunden durch den Klang der Stimmen, die möglicherweise ein Wandervogel-Lied singen. Aber was weiss ich schon über den Himmel und seine Botschaften.

Der gefesselte Prometheus mit dem Adler; links sein Bruder Atlas (Lakonisch-schwarzfigurige Trinkschale des Arkesilas-Malers aus Cerveteri, um 560/550 v. Chr., Vatikan. Museen, Rom)

Altes wie neues – 3. Januar 2019

Vom 31. Dezember 2018 verabschiede ich mich im Tiergarten. Das flach einfallende, distanzierte Winterlicht ermöglicht einen direkten Blick in die Sonne. Gegenlichtaufnahme durch die wirren Verzweigungen der Äste. Warm und diffus kommt das Licht durch, klar und fest behaupten sich die schwarzen Baumlinien davor. In Augenblicken wie diesem begreife ich, warum Romantik ein Epochen-übergreifendes Phänomen ist, das an der Schnittstelle, an den Übergängen von Materie und Atmosphäre stattfindet. Im Wandel der Jahreszeiten wird es deutlich erlebbar. Meine Finger und Füsse werden langsam kalt, während ich durch den Sucher der Kamera die Farbabstufungen des gefallenen Laubs, die kleinen Pilzkolonien und zig Wasserlinsen auf der Seeoberfläche entdecke. So farbintensiv ist der Winter im Detail, so kräftig gezeichnet erscheint er an der Schwelle zum neuen Jahr. So glücklich dieser Moment, in dem ich vollkommen mit der Schönheit des Erlebten verschmelze. Nicht abbildbar, nicht reproduzierbar halt ich ihn dann doch mit der DigiKamera, meinem dritten Auge, fest.

Der 1. Januar 2019 begrüßt mich ähnlich vertraut und doch ganz anders. Die Natur schert sich nicht um Daten. Sie folgt ihren unzähligen eigenen Rhythmen. Aber ich nutze eben auch die Errungenschaften der Menschheit. Manche Erfindungen sind grossartig, wie Kalender und Zeitrechnung, weil sie strukturieren, vereinfachen und somit Zusammenleben, Verständigung und Begreifen ermöglichen. Andere sind schrecklich, wie Kalender und Zeitrechnung, weil sie uns festlegen, einengen und fremdbestimmte Objekte aus uns machen. Und doch habe ich andauernd, in jedem Augenblick die Möglichkeit, zu wählen und zu entscheiden – etwas zu beginnen, zu verabschieden, beizubehalten… so klein diese Entscheidungen auch erscheinen mögen, so unfreiwillig sie in Wirklichkeit oft daherkommen, liegen sie doch tief in unserer Natur. An offensichtlichen Schnittstellen lassen sich überraschend viele Übergänge entdecken. Und ein fokussierter Blick auf die wechselvolle Erscheinung der Details ermöglicht in jedem Moment unendliche Vielfalt, Vieldeutigkeit und Entscheidungsmöglichkeiten. Das könnte ein vorauseilender Blick in diesem Jahr entdecken: endlos grosses im kleinen und kleines im grossen.

Wintersonnwende

An einem Tag wie diesem fallen Worte auf
die senkrechte Achse des zurückkommenden Lichts und
wer seine Quelle kennt, bleibt in ihrer Nähe.

Gewiss ist Zeitvermessung die brutalste Waffe gegen den Rhythmus
der Stille, die sich endlich über allen Gebieten ausbreiten will,
um friedlicheren Botschaften den Boden zu bereiten.

Wer heut den Flieger verpasst, kommt nicht rechtzeitig ins Paradies und
nimmt mit einem Meer an Zeit vorlieb – Zuhause.

Der Weg übers Land ist ein Anachronismus aller Gebliebenen,
die ihre Uhren am Strand zurück… und zeitvergessen den Vorauseilenden
entgegenträumen auf ihrem Weg zum Anfang.

(22.12.2018)