AMO-Blog

Leuchtkörper: sein oder haben – 18. Januar 2019

Mein Tag beginnt um 5. Auf dem Dach des Nachbarhauses liegt eine feine weisse Puderschicht. Auf den Ziegeln und den Astgabelungen der Hofplatane auch. Der Schnee lässt sie grafisch erscheinen. Weiss auf Schwarz. Grösstmöglicher Kontrast. Und plötzlich diese Sehnsucht nach Winterlandschaft: Klar. Still. Sauber. Und sehr weit weg. Ich öffne das Fenster, um Kälte rein zu lassen, Wärme raus. Unsanft treffen sie aufeinander. In der morgendlichen Begegnung liegt die Potenz des ganzen Tages. Dazwischen mein Körper. Im Rücken Wärme, Frost frontal auf Gesicht und Brust. Es gibt freundlichere Orte als diese Stadt. Sie erinnert mich daran, dass ich immer noch die Wahl habe: Bleiben oder gehen. Jeden Tag, jede Stunde, Minute… jetzt oder nie. Jeder Herzschlag Zäsur. Innehalten. Möglichkeit. Handlung. Alles ist gegeben, nichts ist selbstverständlich. Aufeinander treffen oder aneinander vorbei. Annehmen oder wegschauen. Und dennoch funktioniert es genau so zusammen. Als ein Körper, ein Wesen aus lauter einzelnen Zellen. Dämmerung, mehr und mehr Lichter gehen in den Fenstern an. Es beruhigt mich, die Nachbarn zu sehen – beim Zeitunglesen, Kaffeetrinken, am Kühlschrank, beim Ausschütteln der Bettdecke… alle mit sich beschäftigt, alle Teil eines grossen Organismus. Sehr komplex und ganz einfach zu beschreiben. Jedes Fenster ein Spiegel. Jede Handlung Teil meiner Entscheidung. Auch deshalb bin ich hier. Um mich in vielem wiederzufinden, viele in mir zu versammeln. Vielfalt zelebrieren – von sehr nah bis hin zu grösstmöglicher Distanz. Seid willkommen! Etwas Schönes daraus gestalten. Auch wenn es nichtig erscheint. Mikrokosmisch. Sich ganz darin verlieren und dabei wieder neu entdecken. Teilen mit vielen anderen.

Ein paar Stunden später: glasklar hellblauer Himmel. Die Kälte sorgt dafür, dass die pudrige Schneeschicht auf den Nachbardächern liegen bleibt. Wie schön ist das denn, diese klare, präzise Ansage aus der Atmosphäre. Goldgelbes Licht auf Satellitenschüsseln. Gleich mehrere Dachsonnen fangen es ein, reflektieren die flach einfallenden Strahlen des mächtigen Himmelskörpers. Erinnern mich an die wirklichen Verhältnisse und lassen irdische Errungenschaften kurz aufleuchten. Schnell verblassen. Scham ist eine Nebenerscheinung spät entdeckter Ehrfurcht vor der anhaltenden Leuchtkraft des Universums: Strahlende Finsternis.

Ein vertrautes, polyphones Krächzen nähert sich durch die Luft, kündigt die Frühjahrsboten an, die von Süden nach Norden, Westen und Osten den Himmel durchfliegen. Mein Körper streckt sich durchs Fenster. Entdeckt die lange Flugkette aus dunklen Perlen, die sich leicht und geschmeidig über uns hinwegbewegt. In ständiger Transformation die Glieder neu ordnet, einzelne aus der Mitte heraus löst, um sie an den Enden wieder aufzufädeln. Verbunden durch den Klang der Stimmen, die möglicherweise ein Wandervogel-Lied singen. Aber was weiss ich schon über den Himmel und seine Botschaften.

Der gefesselte Prometheus mit dem Adler; links sein Bruder Atlas (Lakonisch-schwarzfigurige Trinkschale des Arkesilas-Malers aus Cerveteri, um 560/550 v. Chr., Vatikan. Museen, Rom)

Altes wie neues – 3. Januar 2019

Vom 31. Dezember 2018 verabschiede ich mich im Tiergarten. Das flach einfallende, distanzierte Winterlicht ermöglicht einen direkten Blick in die Sonne. Gegenlichtaufnahme durch die wirren Verzweigungen der Äste. Warm und diffus kommt das Licht durch, klar und fest behaupten sich die schwarzen Baumlinien davor. In Augenblicken wie diesem begreife ich, warum Romantik ein Epochen-übergreifendes Phänomen ist, das an der Schnittstelle, an den Übergängen von Materie und Atmosphäre stattfindet. Im Wandel der Jahreszeiten wird es deutlich erlebbar. Meine Finger und Füsse werden langsam kalt, während ich durch den Sucher der Kamera die Farbabstufungen des gefallenen Laubs, die kleinen Pilzkolonien und zig Wasserlinsen auf der Seeoberfläche entdecke. So farbintensiv ist der Winter im Detail, so kräftig gezeichnet erscheint er an der Schwelle zum neuen Jahr. So glücklich dieser Moment, in dem ich vollkommen mit der Schönheit des Erlebten verschmelze. Nicht abbildbar, nicht reproduzierbar halt ich ihn dann doch fest, um

Der 1. Januar 2019 begrüßt mich ähnlich vertraut und doch ganz anders. Die Natur schert sich nicht um Daten. Sie folgt ihren unzähligen eigenen Rhythmen. Aber ich nutze eben auch die Errungenschaften der Menschheit. Manche Erfindungen sind grossartig, wie Kalender und Zeitrechnung, weil sie strukturieren, vereinfachen und somit Zusammenleben, Verständigung und Begreifen ermöglichen. Andere sind schrecklich, wie Kalender und Zeitrechnung, weil sie uns festlegen, einengen und fremdbestimmte Objekte aus uns machen. Und doch habe ich andauernd, in jedem Augenblick die Möglichkeit, zu wählen und zu entscheiden – etwas zu beginnen, zu verabschieden, beizubehalten… so klein diese Entscheidungen auch erscheinen mögen, so unfreiwillig sie in Wirklichkeit oft daherkommen, liegen sie doch tief in unserer Natur. An offensichtlichen Schnittstellen lassen sich überraschend viele Übergänge entdecken. Und ein fokussierter Blick auf die Vielschichtigkeit der Details ermöglicht in jedem Moment unendliche Vielfalt und Vieldeutigkeit. Das könnte ein vorauseilender Blick in diesem Jahr entdecken: endlos grosses im kleinen und kleines im grossen.

Wintersonnwende

An einem Tag wie diesem fallen Worte auf
die senkrechte Achse des zurückkommenden Lichts und
wer seine Quelle kennt, bleibt in ihrer Nähe.

Gewiss ist Zeitvermessung die brutalste Waffe gegen den Rhythmus
der Stille, die sich endlich über allen Gebieten ausbreiten will,
um friedlicheren Botschaften den Boden zu bereiten.

Wer heut den Flieger verpasst, kommt nicht rechtzeitig ins Paradies und
nimmt mit einem Meer an Zeit vorlieb – Zuhause.

Der Weg übers Land ist ein Anachronismus aller Gebliebenen,
die ihre Uhren am Strand zurück… und zeitvergessen den Vorauseilenden
entgegenträumen auf ihrem Weg zum Anfang.

(22.12.2018)